Sie:
"Ich blieb bei meinem Wein. Zwar war ich, dank des Redangel in meinem Blutkreislauf, mehrfach kurz davor, mir etwas überzuwerfen, einfach zu ihm hinauf zu gehen und an seine Tür zu klopfen. Es brachte mein Blut zum Kochen, wenn ich mir vorstellte, ihn ganz einfach, ohne ein vorher gedankenlos gesprochenes Wort, direkt auf den Mund zu küssen, und mir zu überlegen, wie seine Reaktion wohl aussehen würde. Würde er zurückweichen, mich wegstoßen? Würde er die Situation und meinen bedauernswerten angetrunkenen Zustand ausnutzen? Oder würde er die Arme um meine Taille legen und meinen Kuss sanft erwidern?
Aber ich brachte es nicht über mich. Diese Zweifel, dieses Hin- und Hergerissensein zwischen meinem Kopf und meinem Herzen, ich hatte sie schon lange nicht mehr erlebt. Ich war so unsicher wie ein Teenager, konnte mich nicht entscheiden, was ich wollte. Wollte ich, dass er mich wegstößt und damit dieses aufreibende Anwachsen meiner Gefühle im Kein erstickte? Damit ich mich wieder vollends auf mich, meine Arbeit und mein Leben konzentrieren konnte? Oder wollte ich mich wirklich mit ihm einlassen, diesen geheimnisvollen Mann, vor dem ich mich gleichzeitig fürchtete und vor Verlangen nach seiner Nähe brannte?
Wieder einmal stand ich entschlossen auf, wieder einmal ließ ich mich mutlos auf mein Bett zurückfallen. Es war dunkel geworden. Abertausende von Sternen prangten am schwarzen Himmel und die samtige, süße Luft duftete nach Orangen.
Meine Gedanken wanderten zu dem Balkon über mir. Ob er in diesem Augenblick dort stand, wieder in die Sterne sah und den Duft dieser Nacht einatmete? Ich widerstand dem Drang, auf die Terrasse zu huschen und vorsichtig an der steinernen Brüstung entlang nach oben zu blicken, ob ich seine Hände entdecken konnte, mit denen er sich auf die langsam auskühlenden Steine stützte. Nicht auszudenken, wenn er mich gesehen hätte! Ich hatte mich schon lächerlich genug gemacht. Mein Blick fiel auf die Weinflasche, die mittlerweile leer am Boden lag. Ich seufzte. Ein schönes Durcheinander.
Ich war hergekommen, um mein Leben zu ordnen und meinen Weg wiederzufinden. Stattdessen hatte ich ihn gefunden, den Mann, der mich um den Verstand brachte und kühnste Phantasien in mir weckte. Ich konnte mir nichts mehr ersehnen, als dass er mich in seine Arme nahm und fest an sich gedrückt hielt. Tatsächlich konnte ich allerdings nur hoffen, dass er mich überhaupt wahrnahm und vielleicht sogar grüßte.
Ich kippte den letzten Schluck Wein hinunter und reflektierte die vergangenen Tage. Prima. Kaum war ich zwei Tage hier, schlug mein Verstand Purzelbäume, ich hyperventilierte, wenn ich ihn sah, hatte meine Gefühle nicht mehr im Griff. Und ich war sturzbetrunken.
Wohin sollte das nur führen?!"
Er:
"Längst hatte ich die Flasche wieder zurück in den Schrank gestellt. Dennoch beflügelte der Alkohol meine Sinne. Ich versuchte, die verwirrenden Gefühle, die ich empfand, zu erklären. Ich erinnerte mich an die Frauen in meinem Leben, um mich abzulenken, um sie, diese neue Frau, zu reduzieren auf einen x-beliebigen Menschen, der in meinem Leben keine große Rolle spielte. Es gelang mir nicht.
Immer drängte sich ihr Gesicht zwischen meine angestrengten Grübeleien, ihr Lächeln war warm und freundlich, ihre Augen offen und einladend. Ich schüttelte meinen Kopf, als ob ich dieses Bild aus meinem inneren Auge verscheuchen könnte wie eine lästige Fliege.
Ich musste mir eingestehen, dass es nicht funktionierte, dass diese Frau eben nicht vergleichbar war mit den anderen, die ich gekannt hatte. Die anderen Frauen – es waren bewusste Entscheidungen gewesen, jede ein verzweifelter Versuch, meine Vergangenheit wenigstens für eine kurze Zeit zu vergessen, ober mir hinter geschlossenen Lidern vorzumachen, dass alles gut sei. Es hatte nie funktioniert, zu keinem Zeitpunkt. Ich hatte es aufgegeben, es gab keinen Sinn.
Bei dieser Frau war es anders. Meine Entscheidung war klar. Nur akzeptierten mein Herz und meine Seele sie nicht.
Ich trat an die Balkonbrüstung, stützte meine Hände auf, als ob ich keine Kraft hätte, mich aufrecht zu halten. Es waren Millionen von Sternen am Himmel, der so offen und so weit war und der mir für einen flüchtigen Moment Hoffnung gab.
Mein Blick fiel nach unten. Halb hoffte ich, sie zu sehen, halb war ich erleichtert, dass sie nicht dort war.
Ich hatte den Eindruck, dass sie mich mit jedem Mal, dass wir uns in die Augen blickten, ein Stück weiter gefangen nahm. Und ich würde mich bereitwillig gefangennehmen lassen, wenn ich nichts unternahm.
Ich haderte mit meinem Leben. Alles, was geschehen war, war meine eigene Entscheidung gewesen, für die ich die Verantwortung tragen musste. Wie oft hatte ich mir gewünscht, dass alles sei nie geschehen, ich wäre nie geboren worden. Wie oft hatte ich mir gewünscht, ich wäre tot. Wie oft hatte ich danach das Gefühl gehabt, ich sei bereits tot? Es war kein Leben, das ich hier fühlte. Meine Kehle brannte, mich dürstete nach dem Inhalt der Flasche in meinem Schrank, doch ich widerstand - was hätte es helfen sollen, sich sinnlos zu betrinken?
Die Tragödie meines Lebens, die ich selbst verschuldet hatte, würde ich nie abwandeln können. Das Gefängnis, in dem ich meine Seele hielt, war längst zu meiner neuen Heimat geworden, ich sah es bald wie einen Freund, der mich beschützte, andere vor mir beschützte, mich abschirmte und mein Inneres stumpf werden ließ.
Und doch ersehnte ich nichts mehr, als mich einmal fallen lassen zu dürfen und einen kurzen Moment, einer Ewigkeit gleich, Frieden zu spüren und in mir zu ruhen, ohne mich zu hassen oder zu verfluchen, und zu fühlen, was es heißt, zu leben."