Unser lieber Verteidigungsminister schreibt ab?

  • Leute bitte. Die Sache ist zumindest politisch vorbei.
    Ich finds schade, dass er zurückgetreten ist. Obwohl er ja so gesehen keine andere Wahl hatte. Einmal hatten wir einen Politiker, der parteiübergreifend gemocht und geschätzt wurde und jetzt, naja, ich will nicht ausfällig werden :D

    Und nein, ich bin keine GNTM-Zuschauerin

  • Dahika, Kompliment, da hast du die Niveaulosigkeit mal wieder exzellent in einen Beitrag gepackt. Wenn man über die Motivation, den Intellekt und die freie Meinung anderer lästern muss, liegt der Verdacht nahe, dass man in Bereichen wie diesen selbst Defizite aufweist - Theorie der modernen Psychologie, Band IV, 1. Auflage 2011.

    Nachdem ich die Entwicklungen der letzten Tage miterleben durfte, finde ich den Rücktritt gar nicht mehr so schlimm, nachdem er mich anfangs regelrecht geschockt hatte. Ich sehe, dass es keinen Sinn gemacht hätte, ohne das Vertrauen bestimmter Bevölkerungsschichten und unter dem Dauerbeschuss der Medien das Amt weiterhin auszuüben - manche Politiker können das, zu einem zu Guttenberg passt das nicht.

    Ich halte das ganzen - ohne irgendwelche überstürzten Hintergedanken - für einen genialen Schachzug, ein deutliches Figurenopfer - wobei die Figur in diesem Fall nicht die Person, sondern das hohe Amt als Verteidigungsminister ist. Letztendlich gibt es nur so die Möglichkeit des großen Comebacks - das wird ihm bereits jetzt von seiner Partei und einer überwältigenden Mehrheit der Bevölkerung ermöglicht. Und so wird es nach diesem Opfer in ein paar Jahren irgendwie heißen ... "König auf G8 ... Schachmatt! ++" ... :D

    1954 - 1974 - 1990 - 2014
    "Des interessiert mi ois net der Scheißdreck. Weltmeister samma, den Pott hamma!"
    Thomas Müller

    Nous sommes unis.

  • Was du denkst und worauf du wetten würdest ... für die Faktenlage - als solche der relevante Maßstab - völlig unerheblich.

    mag sein, aber sei mal ehrlich, wenn du wirklich glaubst, dass Guttenberg diese Arbeit verfasst hast, glaubst du im Umkehrschluss, dass er so blöd ist, dass er 50 % seiner Arbeit ohne Angaben abgeschrieben hat, ohne es zu merken. Und so jemand vertraust du??
    oder du glaubst, dass er betrogen hat (was eigentlich nur mit dem Faktum von der Hand zu weisen wäre, dass er seine Arbeit nicht selbst verfasst hat (und dann hätte er auch betrogen^^)) und wenn du dann noch zu ihm stehst, ist das blind. Warum auch immer du diesen seltsamen Menschen so gern hast^^


    a


    Krise ist ein produktiver Zustand.
    Man muß ihm nur den Beigeschmack der Katastrophe nehmen.

    Max Frisch

  • Alchimist, in welcher Form, in welchem Ausmaß und auf welche Weise zu Guttenberg Fehler in seiner Dissertation gemacht hat, interessiert eigentlich nicht. Wir erleben diesen Menschen als Politiker, nicht als Wissenschaftler. Die Arbeit verfasst hat er noch vor seiner Karriere in der Politik ... und wenn die Sache erst gar nicht ans Tageslicht gekommen wäre, würde man zu Guttenberg immer noch regelmäßig für seine kompetente und andersartige, aber erfolgreiche Politik loben.

    Dass er Fehler, große Fehler gemacht hat, ist mir bewusst. Ich sehe aber auf der anderen Seite den Politiker zu Guttenberg, der Dinge zustande bringt, die in den vergangenen Jahren von der Bevölkerung so vermisst worden. Als überdurchschnittlich ökonomisch denkender Mensch wäge ich ab ... und erkenne, wie verzeihbar gravierende Fehler werden, wenn der Nutzen entsprechend groß ist ... oder war. Dann ist, abgesehen von Gewaltverbrechen, moralisch fast alles vertretbar.

    Abschließend ein Beispiel: Im Rahmen der Finanzhilfen bei Opel hat sich zu Guttenberg als Wirtschaftsminister gegen eine staatliche Unterstützung ausgesprochen und dabei mit der Androhung seines Rücktritts sogar hoch gepokert. Das ist eine denkbar schwierige Position - sowohl den Opel-Mitarbeitern, aber eben auch der Bevölkerung gegenüber, die darin von sozialer Unverantwortlichkeit bis hin zu Kaltherzigkeit alles entdecken könnte. Na ja, letztendlich ging es auch ohne staatliches Eingreifen, dem deutschen Fiskus blieb einiges erspart und Opel schaut optimistisch in die Zukunft - zu Guttenberg war der gefeierte Mann, indem er so unkonventionell wie richtig gehandelt hatte.
    Andere versuchten, ihre Popularität auf andere Weise zu steigern ... so zum Beispiel der dicke Onkel von der SPD, genannt Sigmar Gabriel, der sich mit den kleinen süßen Eisbären-Babys ablichten ließ. Wow, das sind Heldentaten, das verdient Respekt! Ob er das wohl wiederholen würde, jetzt, wo die kleinen Tierchen größer, schwerer, hungriger sind? ... :D

    1954 - 1974 - 1990 - 2014
    "Des interessiert mi ois net der Scheißdreck. Weltmeister samma, den Pott hamma!"
    Thomas Müller

    Nous sommes unis.

  • Lang lang lang hab ich dieses Thema hier mitgelesen und immer nur den Kopf schütteln müssen.. Worüber? Nicht über Gutti..nein.. über ein paar User, die dermaßen ihre Meinung als die einzig richtige sehen... *kopfschüttelnd da sitze* Das ganze hat doch im Grunde genommen noch nicht einmal was mit Parteien-Zugehörigkeit zu tun. Es ging einfach mal wieder darum, wer wem einen Stein in die Karriere werfen kann... Traurig wird es dann aber, sich als dumm bezeichnen lassen zu müssen, nur weil man ein bekennender Parteianhänger oder eben Pro-Guttenberg-Anhänger ist..

    Niveau ich hab dich schon lange bei einer Userin gesehen und werd dich vermutlich auch noch lange nicht mehr sehen!

  • Wie es aussieht gehörte ich auch zu der großen Minderheit die Herrn zu Guttenberg nachweinen.

    Ein fähiger Politiker, einer dem nicht einer der sonst vorhandenen politischen Größen und Nieten das Wasser reichen kann.

    Es war ja sowas von klar, dass vor einer Wahl gebuddelt und gewühlt wird, mich wundert nur, dass man nicht ein Sandkastenfoto von ihm fand in dem er oben und unten ohne war.

    Die Schwäche von Parteien sehe ich darin, wenn sie mit solchen Mitteln Mitstreiter vom Stuhl schubsen müssen.

    Mal ganz abgesehen davon, dass all das vor seiner politischen Zeit war, dass seine Arbeit wie die jedes Anderen von seinem Doktorvater und einem 2.Prüfer als in Ordnung durch ging.
    Bis vor knapp 3 Wochen scherte sich kein Schwein um seine Arbeit - und dann plötzlich wird ausgegraben....

    Ich war lange Jahre ein überzeugter CDU/CSU - Wähler, habe allerdings festgestellt dass keine unserer Parteien es eigentlich wert ist - mein "Kreuzchen" mein Stimmchen zu bekommen.

    Nur ein Mann war und ist ein Lichtblick gewesen ....... und den versucht man nun auch politisch Mundtot zu machen.

    Ich hoffe, dass wir nicht all zu lange auf den 2. Anlauf von Herrn zu Guttenberg warten müssen. Denn das was der im Kopf hat und dazu den Verstand und das Herz um es für Deutschland umzusetzen,
    so einen gibt es leider nicht noch mal.

    Glück ist - wenn Zufall und Bereitschaft aufeinander treffen.

    Ich lüge nie, ich pflege einen kreativen Umgang mit der Wahrheit. ;)

  • Ich hoffe, dass wir nicht all zu lange auf den 2. Anlauf von Herrn zu Guttenberg warten müssen. Denn das was der im Kopf hat und dazu den Verstand und das Herz um es für Deutschland umzusetzen, so einen gibt es leider nicht noch mal.


    Dem kann ich mich anschließen. Ich hoffe und denke, zu Guttenberg wird die Zeit fernab der Politik sinnvoll nutzen - egal, ob er sich jetzt sozial engagiert oder in den USA als Consultant wichtige Kompetenzen aneignet, er wird schon das Richtige für sich finden. Und dann denke ich, dass er in einiger Zeit gestärkt und mit dem Rückenwind seiner Unterstützer in die deutsche Politik zurückkehren kann - 2013 wäre z.B. ein vielversprechendes Jahr... :lachen:

    1954 - 1974 - 1990 - 2014
    "Des interessiert mi ois net der Scheißdreck. Weltmeister samma, den Pott hamma!"
    Thomas Müller

    Nous sommes unis.

  • „Copy & Paste“ und wissenschaftliche Textkultur [Bearbeiten]

    Unter dem Schlagwort Copy&Paste wird im Bereich der Textverarbeitung Kritik an einer Textkultur geübt, bei der Inhalte mehr oder weniger wahllos und oft unter Missachtung von Urheberrechten aus dem Internet zusammenkopiert werden, ohne sich um eine eigene Darstellung zu bemühen. Dies wird als eine Bedrohung einer fundierten Ausbildung und guten wissenschaftlichen Praxis angesehen.[

    Und wenn man bedenkt, welche Spenden die Familie der Uni hat zukommen lassen....


    Hat JKR das nicht so wunderbar am Bsp. Malfoy durchexerziert?

    Grüße murmel
    cogito ergo sum

  • Alchimist, in welcher Form, in welchem Ausmaß und auf welche Weise zu Guttenberg Fehler in seiner Dissertation gemacht hat, interessiert eigentlich nicht. Wir erleben diesen Menschen als Politiker, nicht als Wissenschaftler. Die Arbeit verfasst hat er noch vor seiner Karriere in der Politik ..

    Kann man einen Menschen, der absichtlich betrügt so einfach in zwei Hälften teilen? den Politiker und den Wissenschaftler?
    Die Arbeit hat er keinesfalls vor seiner Karriere als Politiker verfasst, bloß Minister war er nicht^^
    Macht es das besser?
    Ich hätte ihm kleine Schummeleien auch vergeben, klar, wieso auch nicht. Nur er hat selbst bei seinem Abtritt noch nicht zugegeben, dass er einfach wissentlich getäuscht hat, das ist für mich armselig und verdient keine Hochachtung.
    Wer auch immer Schuld am Steinewerfen ist, die Chance zum Werfen hat Guttenberg selbst gegeben.
    Für mich ist klar, wer so offensichtlich und schamlos lügt kann nur ein toller Politiker sein, denn das muss ein Politiker auch können.
    Dennoch kann man ihn nicht mehr gut finden, wenn es herauskommt. So einfach und schade ist das.
    Ich hab und hatte nichts gegen seine Politik, aber als der Mensch, als der er sich erwiesen hat, kann ich ihn nicht als meinen Vertreter wählen! Ich möchte den Menschen, denen ich mein Vertrauen schenke auch vertrauen dürfen. Und als Vorsitzender der militärischen Fakultäten bei seiner eigenenen Dissertation zu betrügen ist einfach unhaltbar. Außerdem hätte er gleich einlenken müssen.
    So wird er eben in ein paar Jahren mit Glanz und Gloria zurückkehren und keiner wird sich mehr erinnern.


    a


    Krise ist ein produktiver Zustand.
    Man muß ihm nur den Beigeschmack der Katastrophe nehmen.

    Max Frisch

  • Man muss es nicht, aber man kann. Natürlich ist er Politiker und Wissenschaftler in einer Person, aber die Anforderungen in beiden Bereichen sind unterschiedliche. Ich persönlich sehe, dass er den Ansprüchen, die man an einen großen Wissenschaftler stellt, nicht gewachsen ist. Ich sehe aber auch - und das überzeugt mich nach wie vor von seiner Person - dass er es wie kein anderer in den letzten Jahren geschafft hat, eine Politik zu betreiben, die beim Volk ankommt und sich in auffallend hohen Beliebtheitswerten widerspiegelt.

    Politik ist nicht das Verfassen wissenschaftlicher Arbeiten, nicht die Ausarbeitung grandioser Konzepte im Auftrag der Wähler. Politik ist in unserem demokratischen Umfeld vor allem Volksvertretung - und ganz offenbar fühlten sich sehr viele von seiner Person sehr gut vertreten. Dass er, um auf den eigentlichen Vorwurf zu kommen, die Vorwürfe nur zögernd bestätigt oder teilweise nicht ganz offen angesprochen hat, macht ihn ja nicht zu einem realitätsfernen Monster - auch hier entdecken viele die menschliche Komponente: Wer steht schon gerne zu Fehlern, die er vor Jahren begangen hat und die ihm jetzt große Probleme bereiten könnten? Die typisch menschliche Reaktion ist, den Ball flach und den Schaden gering zu halten.

    Was seine Rückkehr betrifft ... ich denke, 2 Jahre dürfen wir als Obergrenze annehmen.

    1954 - 1974 - 1990 - 2014
    "Des interessiert mi ois net der Scheißdreck. Weltmeister samma, den Pott hamma!"
    Thomas Müller

    Nous sommes unis.

  • Das ändert aber nix an den Tatsachen: Ists denn richtig, nur weil es andere auch machen?

    Aber ich behaupte einfach mal: An ca. 1/3 Plagiat der eigenen Doktorarbeit kommt wahrscheinlich wirklich keiner ran. :P

  • dass er es wie kein anderer in den letzten Jahren geschafft hat, eine Politik zu betreiben, die beim Volk ankommt und sich in auffallend hohen Beliebtheitswerten widerspiegelt.

    Dann sollten wir doch vielleicht Lena zur Innenministerin machen? Wenn das das einzige Kriterium ist - und ich fürchte, mehr hat Gutti nicht zu bieten - dann Gute Nacht.

  • Sehr schön. Jetzt dürfen also die feiern, die doch sonst so wenig - ich meine Substanzielles - zu feiern haben. Helfen wird ihnen das nicht, denn die Fronten sind jetzt geklärt und werden sich nicht mehr verschieben.

    Lena Meyer-Landruth als Innenministerin? Ich muss dir tatsächlich ... zumindest zur Hälfte recht geben! Lena hat Abitur, stammt direkt von einem deutschen Diplomaten ab - ich denke, da hätten wir eine sehr effektive Generalsekretärin im Außenministerium. Zumindest fallen mir eine ganze Reihe von Bundespolitikern ein, die diesen Job wesentlich schlechter erledigen würden... :haha:

    1954 - 1974 - 1990 - 2014
    "Des interessiert mi ois net der Scheißdreck. Weltmeister samma, den Pott hamma!"
    Thomas Müller

    Nous sommes unis.

  • Ich finde das ganze lächerlich. Es hat ja von denen die am lautesten schreien noch nie jemand abgeschrieben, oder?

    Mal in der Schule die Hausaufgaben schnell in der Pause abschreiben oder in einer wissenschaftlichen Arbeit, der Dokorarbeit in großem Maßstab fremde Gedankengänge und Formulierungen als seine eigenen auszugeben und so zu betrügen ist irgendwie nicht so einfach in einen Topf zu werfen. (Von den meisten Universitäten wird nicht schon bei Magister- oder Bakkalaureatsarbeiten eine eidesstattliche Versicherung gefordert.) Das kommt mir vor als würde man einen Einbruchdiebstahl damit rechtfertigen, dass andere auch mal Himbeeren im Nachbargarten gemopst hätten.

  • Ich wette, gerade im Bereich der Geistes- und Sozialwissenschaften ließen sich viele Promotionen finden, bei denen bewusst und ohne Angabe der Quelle Teile übernommen wurden - in welchem Umfang auch immer. In den meisten Fällen fällt das nur nicht auf, denn ... wen interessiert schon so eine Promotion? Doktorarbeiten werden in der Regel keine Bestseller, und im Normalfall hat auch maximal eine sehr kleine Gruppe von Personen ein Interesse daran, Plagiate aufzuspüren.

    Rechnet man zu diesen Doktoranden noch diejenigen, welche allein aus Angst aufzufliegen nicht abschreiben, es moralisch aber durchaus schultern würden, so kämen wir insgesamt doch auf einen nicht kleinen Personenkreis. Ein untrüglicher Beweis dafür, auf was sich manche dieses akademischen Grades und der damit verbundenen wissenschaftlichen Anerkennung willen einlassen.

    1954 - 1974 - 1990 - 2014
    "Des interessiert mi ois net der Scheißdreck. Weltmeister samma, den Pott hamma!"
    Thomas Müller

    Nous sommes unis.

  • Und hier eine offizielle Stellungsnahme von Walter Schmitt-Glaeser, emeritierter Professor für öffentliches Recht und Verwaltungswissenschaften, Vize-Präsident der Universität Bayreuth aus ihrer Gründungsphase, später Präsident des Bayerischen Senats. Eine kritische Betrachtung des Verhaltens der beteiligten Akteure ...


    I.

    Der Jagdinstinkt ist nach wie vor im Menschen verankert. Beherrscht wird auch noch die Technik der Gruppenjagd, die dem Menschen am Anfang seiner Zeit das Überleben sicherte. Aber Tiere jagen wir in dieser Form nicht mehr; die Hetzjagd ist als unwaidmännisch und nicht tierschutzgerecht verboten. Heute sind es Menschen, denen wir in Gruppen nachstellen. Ausgelöst werden diese Jagden in der Regel nicht durch eindeutige Kenntnisse, sondern in der Regel durch Spekulationen und Vorverurteilungen. Und im Gegensatz zur Wildjagd gibt es dabei weder Regeln noch Grenzen. Findet die Jagd im Internet statt, dann müssen die Jäger nicht einmal ihr Gesicht zeigen oder ihren Namen nennen; sie können einfach „Spaß“ haben und sich stark fühlen im Kollektiv der Jagdgesellschaft. Dass dabei am Ende ein Mensch auf der Strecke bleibt, interessiert sie nicht, vielleicht wird es ihnen nicht einmal bewusst; sie müssen ihm ja nicht in die Augen sehen. Damit eröffnet das Internet eine neue Dimension der Jagd auf Menschen. Besonders gerne jagt man Menschen, die sich exponiert haben, Menschen, die eine Aufgabe für die Gemeinschaft übernommen und damit den Anspruch erhoben haben, anderen etwas sagen zu dürfen. Mit anderen Worten: Menschen, die im Verdacht stehen, sich für etwas Besseres zu halten. Aber was auch immer die Motive des Einzelnen sein mögen: Hat die Jagd begonnen, ist kein Platz mehr für verantwortlichen Umgang mit der Beute. Dabei hatte man vom Internet eine „Gegenöffentlichkeit“, eine andere Art von veröffentlichter Meinung erwartet, wie es der durch die „klassischen Medien“ geprägte mainstream ist. In Diktaturen hat sich diese Hoffnung auch erfüllt, mit erstaunlich positiver Wirkung. Nicht so in freiheitlichen Rechtsstaaten wie Deutschland. Hier verstärken sie die „klassischen Medien“ gerade auch in den Fällen, in denen es um „Enthüllungen“, um Bloßstellung von angeblichen oder tatsächlichen Fehlleistungen von Personen, vor allem von Politikern, geht. Es ist wie ein „Zangenangriff“, der den Raum zur Gegenwehr so eng macht, dass der Betroffene aufgeben muss. So geschehen im Fall zu Guttenberg – ein Lehrbeispiel für den bedauerlichen Zustand unserer Zivilgesellschaft.

    II.

    Ganz schuldlos ist das Opfer der letzten Treibjagd nicht. Herr zu Guttenberg hat bei seiner Doktorarbeit Regeln der Wissenschaft verletzt; das ist kein Kavaliersdelikt. Aber er hat dafür bezahlt. Die Universität entzog ihm den Doktortitel und er legte alle seine politischen Ämter nieder, auch das Amt des Verteidigungsministers. Wer ein wenig Anlage zum Mitgefühl besitzt, kann sich denken, dass dies noch die geringsten Opfer waren, die erbracht werden mussten. Die Peinlichkeit der öffentlichen Bloßstellung, der Verlust von Ansehen und die Betroffenheit der Familie waren vermutlich die bei weitem größere Strafe. Wer noch mehr Strafe fordert, sollte sein Koordinatensystem überprüfen. Schon aus menschlichem Anstand sollte man Herrn zu Guttenberg wieder ein normales Leben gönnen. Fazit: Die Jagdgesellschaft könnte sich zum Imbiss zurückziehen.

    Aber die Internet-Gemeinde senkt den Daumen - die Beute ist noch nicht erlegt genug. Herr zu Guttenberg ist nach wie vor beliebt, er hat noch Ehre, auch eine funktionierende Familie, eine Zukunft, vielleicht sogar in der Politik! Also gehen die Recherchen weiter; man sucht nach bislang nicht entdeckten „Schwachpunkten“, in der Hoffnung, ihn noch tiefer in den Sumpf der Anschuldigungen zu drücken und auf möglichst lange an den Pranger zu fesseln. Ist das die neue Kreativität, sind diese „Enthüller“ die Gestalter unserer Zukunft? Mit notwendiger oder gar redlicher Aufklärung und legitimer Kritik jedenfalls hat dies alles nichts zu tun. Es ist schlicht ein „Nachtreten“, und jene, die jede neue Meldung aus dem Internet aufnehmen und vermarkten, sind augenscheinlich besessen von dem dringenden Begehren, den Menschen zu Guttenberg selbst (und seine Familie) zu treffen und zu desavouieren, ihn gesellschaftlich zu vernichten. Dabei kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass hier die Person (auch) zum Mittel eines Zweckes gemacht werden soll, um eine bestimmte Weltanschauung und eine bestimmte politische Richtung zu beschädigen. Herr zu Guttenberg war einfach zu erfolgreich, als dass man ihn wieder in die Politik lassen dürfte. Der Triumph, ihn „gestürzt“ zu haben, muss nachhaltig gesichert werden.

    Wer also ruft zur Ruhe? Wer sagt, wann genug genug ist? Ich hätte mir gewünscht, dass es die Wissenschaftsgemeinde ist, in erster Linie natürlich die Universität Bayreuth. Leider aber kam hier nichts. Im Gegenteil.

    III.

    Nun will ich einräumen, dass mir eine völlig unvoreingenommene Beurteilung des Verhaltens der Bayreuther Universität schwer fällt. Immerhin ist es nicht nur „meine“ Universität, der ich mich als Emeritus verbunden fühle. Darüber hinaus war ich auch Mitglied des Strukturbeirats für die Universität und habe unter anderem als Vizepräsident in der Gründungsphase über zehn Jahre meines Lebens alles getan, um dieser Universität, und nicht zuletzt der Rechts- und Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät, einen guten Start zu ermöglichen. Von einer Universität, der man sich auf diese vielfältige Weise verbunden fühlt, verlangt man viel, so wie man sich auch von einem Freund mehr erwartet als von einem Fremden. Die zügige Aberkennung des Doktortitels war richtig und unumgänglich. Eine Universität hat dafür zu sorgen, dass ihre Mitglieder die wissenschaftlichen Regeln befolgen, und sie muss Verstöße ahnden. Was aber danach kam, lässt sich nicht mehr verstehen, auch wenn bei vielen Kollegen Enttäuschung herrschen mag und dieses Gefühl leicht in Ärger und vielleicht sogar in Wut umschlagen kann. Die Worte der Frau Bundeskanzlerin, sie hätte Herrn zu Guttenberg nicht als Wissenschaftlichen Assistenten, sondern als Minister eingestellt, führten überdies zu einer Verschärfung der Lage, weil sich die Wissenschaftsgemeinde dadurch herabgesetzt sah, in besonderem Maße natürlich die Universität Bayreuth. Trotzdem hätte man der Tatsache Rechnung tragen müssen, dass mit der Aberkennung des Doktortitels das Verhältnis der Universität mit Herrn zu Guttenberg sein Ende gefunden hat. Offen stand nur noch die Frage, ob und inwieweit es notwendig erscheint, Konsequenzen für die Promotionsordnungen zu ziehen. Weitere Untersuchungen über das Verhalten des Doktoranden waren nicht nur überflüssig, sie standen der Universität auch nicht zu und verletzten wichtige rechtsstaatliche Prinzipien.. Schon allein für die Beratungen in einer offiziellen universitären Einrichtung über die mögliche Täuschungsabsicht fehlte der öffentlich-rechtlichen Körperschaft Universität jegliche Zuständigkeit; denn Herr zu Guttenberg war schon zu diesem Zeitpunkt nicht mehr ihr Mitglied. Zu allem Unglück wurden dann auch noch laufend Informationen über die geheimen (!) Beratungen der Kommission, die kaum von jemand anderen als von Kommissionsmitgliedern stammen konnten, an die Presse weiter gegeben und prompt veröffentlicht. Der Vorgang ist unerhört und mehr als peinlich. Erst recht durfte natürlich der Kommissionsbericht in dem Teil, der die Frage einer Täuschung behandelt, nicht veröffentlicht werden. Dass Herr zu Guttenberg sich durch vielfältigen Druck (auch von Seiten der Universität Bayreuth) und abzusehende umfassende Indiskretionen gezwungen sah, der Veröffentlichung letztlich zuzustimmen, rückt das ganze Verfahren noch mehr ins Zwielicht.

    Und zu welchem Ergebnis ist nun die Universitätskommission gekommen? Bislang liegt lediglich eine Presseerklärung der Universität vor, die aber die Eckpunkte der Entscheidung wieder geben dürfte, so dass sich der Grad der Plausibilität erkennen lässt. Nach den zahlreichen Verfahrensfehlern zu Lasten des Herrn zu Guttenberg ist das Ergebnis wie zu erwarten war: die Täuschungsvorsatz wird bejaht. Die Begründung freilich ist fadenscheinig. Dass die Dissertation Fremdtexte enthält, wussten wir schon. Nicht nur Herr zu Guttenberg, sondern ebenso sein Doktorvater, haben aber immer wieder mit sehr guten Gründen beteuert, dass ein Vorsatz, jemanden zu täuschen, nicht vorlag bzw. nicht sichtbar ist. Darauf wird in der Presseerklärung mit keinem Wort eingegangen. (Man darf gespannt sein, ob der Kommissionsbericht dazu etwas verlauten lässt.) Indizien, die nach Ansicht der Kommission dagegen sprächen, seien: „Umformulierung der Originaltexte, Umstellung der Syntax, Verwendung von Synonymen sowie einzelne Auslassungen.“ Gerade in dieser Weise verfährt man mit Texten, die man - so könnte man freilich sagen - für seine eigenen hält. Schließlich: Wäre dem Ansehen der Universität, auf das man sich gerne beruft, nicht genüge getan mit der Presseerklärung? Muss jetzt noch unbedingt die Veröffentlichung des gesamten Berichts im Internet folgen? Es wäre anständig gewesen, hätte es die Universität nach dem „entgegenkommenden Verzicht auf seine Persönlichkeitsrechte“ von Herrn zu Guttenberg bei der Presseerklärung belassen.

    Ich muss offen und öffentlich bekennen: dieser unglaubliche Vorgang erschüttert mich tief, vor allem, weil die Universität auch noch mit zweierlei Maß gemessen und jegliche Fürsorge für den ehemaligen Studenten zu Guttenberg von sich gewiesen hat.

    IV.

    Jeder andere Doktorand wäre unter gleichen Umständen völlig anders behandelt worden. Sicher hätte man auch ihm den Titel entzogen, und vielleicht hätte man Änderungen an der Promotionsordnung erwogen. Aber das wäre, soweit nur irgend möglich, universitätsintern geblieben, um jede zusätzliche Schädigung zu vermeiden. Gewiss: der Politiker ist eine öffentliche Person und in einem solchen Fall ist es unmöglich, die Angelegenheit universitätsintern zu behandeln. Aber auch hier ist es schon aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes, der auch Politikern zusteht, unabdingbar, alles zu vermeiden, was über den Entzug des Titels hinaus schädigen könnte. Darum war man in keiner Weise bemüht. So gerne man sich mit Herrn zu Guttenberg noch im letzten Jahr als Alumni schmückte, so gnadenlos servierte man ihn nunmehr ab. Von Besonnenheit und Umsicht – Tugenden , die man von einem Organ der Universität erwartet muss, war nichts zu spüren.

    V.

    Neben dem bedauerlichen Zustand unserer Zivilgesellschaft zeigt der Fall sehr deutlich, warum wir in unserem 80 Millionen-Volk so wenig politisch talentierten Nachwuchs gewinnen können. Wer wollte sich schon in dieses „Freigehege“ sperren lassen, in dem man - nach Bedarf – gehetzt und niedergestreckt wird? Die veröffentlichte Meinung ist gnadenlos. Wer vor ihr Tribunal gezerrt wird, ist schon verurteilt; ob schuldig oder nicht, er hat kaum noch eine Chance. Welche talentierte Persönlichkeit, der viele interessante Berufswege offen stehen, sollte noch den Beruf des Politikers wählen? Freiherr zu Guttenberg ist eine solche Persönlichkeit. Er hätte noch viel für unser Land bewirken können und könnte es immer noch. Aber es wäre ihm nicht zu verdenken, wenn er sich den neuerlichen Weg in die Politik nicht mehr zumuten will. Die „causa zu Guttenberg“ könnte genutzt werden, uns endlich darüber klar zu werden, wie wir in Zukunft mit unseren Politikern umgehen wollen. Ohne gegenseitigen Respekt und faires Verhalten, das keinen Zweifel darüber aufkommen lässt, dass es immer nur um die beste Lösung von Problemen und niemals um die Erniedrigung des Andersdenkenden geht, werden wir uns jeder Chance einer guten Entwicklung unseres Landes berauben. Um einer solchen Entwicklung willen, aber auch aus menschlichen Gründen, dürfen wir die Fehler der Politiker nicht überbewerten, auch bei ihnen darf es nicht nur „Buße“, es muss auch „Verzeihung“ und einen Neuanfang geben, so wie wir das bei den vielen eigenen Fehlern erhoffen.

    Ein Ergebnis der Untersuchungen der Staatsanwaltschaften über eine mögliche Urheberrechtsverletzung steht noch aus. Wie immer die Entscheidung lauten wird: Zu erwarten ist hier eine strikt an der Sache orientierte Behandlung (ohne Ansehen der Person!), denn auf unsere Justiz (zu der ich hier im weiteren Sinne auch die Staatsanwaltschaft zähle) ist Verlass. Das wäre dann wenigstens ein Lichtblick.

    1954 - 1974 - 1990 - 2014
    "Des interessiert mi ois net der Scheißdreck. Weltmeister samma, den Pott hamma!"
    Thomas Müller

    Nous sommes unis.

  • Ich wette, gerade im Bereich der Geistes- und Sozialwissenschaften ließen sich viele Promotionen finden, bei denen bewusst und ohne Angabe der Quelle Teile übernommen wurden - in welchem Umfang auch immer. In den meisten Fällen fällt das nur nicht auf, denn ... wen interessiert schon so eine Promotion? Doktorarbeiten werden in der Regel keine Bestseller, und im Normalfall hat auch maximal eine sehr kleine Gruppe von Personen ein Interesse daran, Plagiate aufzuspüren.

    Rechnet man zu diesen Doktoranden noch diejenigen, welche allein aus Angst aufzufliegen nicht abschreiben, es moralisch aber durchaus schultern würden, so kämen wir insgesamt doch auf einen nicht kleinen Personenkreis. Ein untrüglicher Beweis dafür, auf was sich manche dieses akademischen Grades und der damit verbundenen wissenschaftlichen Anerkennung willen einlassen.

    Das gilt vermutlich nicht nur für den Diebstahl geistigen Eigentums, sondern auch für den Diebstahl matriellen Eigentums. Sicher würden viel mehr Menschen Elektrogeräte, Autos, Schmuck, Spielwaren, Kleidung, Bücher, Tonträger, Einrichtungsgegenstände, Geschirr, etc. klauen, wenn sie sicher sein könnten, dass man sie nicht erwischt. Falsch wäre es dennoch.

    Solange die Menschen, die fremde Gedanken übernehmen, sich dessen bewusst sind, dass sie damit etwas falsches tun, gibt es allerdings noch einen Funken Hoffnung.

    Bedroht sind Ansehen und Standard der Wissenschaft erst, wenn es Leute gibt, die nicht nur bereit sind, alles legale und illegale zu tun, um einen Titel zu bekommen, sondern gar nicht erkennen, dass es eine andere Leistung ist, selbst Teil des wissenschaftlichen Diskurses zu sein, eigene Theorien zu entwickeln und auszuarbeiten oder einfach etwas bereits gedachtes und ausformuliertes zu recherchieren und sich dann der Arbeit anderer ohne deren Wissen zu bedienen und es als sein eigenes auszugeben, dies also auch noch legitim finden und der Erarbeitung eines Titels auf ehrliche Art ebenbürtig ansehen.

  • Bedroht sind Ansehen und Standard der Wissenschaft erst, wenn es Leute gibt, die nicht nur bereit sind, alles legale und illegale zu tun, um einen Titel zu bekommen, sondern gar nicht erkennen, dass es eine andere Leistung ist, selbst Teil des wissenschaftlichen Diskurses zu sein, eigene Theorien zu entwickeln und auszuarbeiten oder einfach etwas bereits gedachtes und ausformuliertes zu recherchieren und sich dann der Arbeit anderer ohne deren Wissen zu bedienen und es als sein eigenes auszugeben, dies also auch noch legitim finden und der Erarbeitung eines Titels auf ehrliche Art ebenbürtig ansehen.


    Genau aus diesem Grund halte ich den wissenschaftlichen Schaden in diesem Fall für vergleichsweise gering. Guttenberg war sicherlich nicht an einer wissenschaftlichen Karriere interessiert - für ihn war der Titel wohl, wie in vielen Fällen, ein Statussymbol, ein gerade in der Bundespolitik sehr verbreitetes und beliebtes Siegel. An der Arbeit selbst hat der Verfasser selbst kein großes Interesse ... er hat schon eher die belegbaren Fakten in Kopf, dass Dr. XY im Vergleich zu XY im Allgemeinen angesehener ist, als Berufseinsteiger ein höheres Einstiegsgehalt erzielen kann, ohne größere Probleme und Widerstände in höhere Führungskreise vordringt ... kurz gesagt: Das hat mit Wissenschaft nichts mehr zu tun, kann ihr also auch nicht groß schaden.

    1954 - 1974 - 1990 - 2014
    "Des interessiert mi ois net der Scheißdreck. Weltmeister samma, den Pott hamma!"
    Thomas Müller

    Nous sommes unis.

Participate now!

Don’t have an account yet? Register yourself now and be a part of our community!